Pragmatisch, praktisch – und weder quadratisch noch rund. Vom dicht besiedelten Neckarraum hat es Sonja mit ein paar Umwegen (wie Irland und die Philippinen) vor mittlerweile sieben Jahren mit ihrer Familie ins Herz der Fränkischen Schweiz verschlagen.

Dort arbeitet sie, ebenfalls seit sieben Jahren, freiberuflich mit Text: als Übersetzerin (Englisch–Deutsch), Lektorin und Texterin, gerne zu Ernährungsthemen oder Landwirtschaftsthemen, das hat sie nämlich mal studiert bzw. darin promoviert. Nach einem vierzehnmonatigen „Ausflug“ ins Angestelltendasein im letzten Jahr weiß sie die Freiberuflichkeit nach ihrer Rückkehr umso mehr zu schätzen.

Neben dem Beruf, den vier Kindern und dem Haus, das langsam nach und nach saniert wird, klettert Sonja nach Möglichkeit zusammen mit ihrem Mann große und kleine Felsen hoch.

 

 

Dr. Sonja Vilei

 

Texterin, Lektorin, Übersetzerin

Krögelstein 49, 96142 Hollfeld

 

info@lektorat-vilei.de

www.lektorat-vilei.de

 

 

 

Wie verbindest du Job und Familie?

Eigentlich „verbinde“ ich Job und Familie nicht, sondern kümmere mich mal ums eine und mal ums andere. Bürojobs lassen sich nun einmal schlecht mit Kindern nebendran ausführen.

Ansonsten haben wir eine ganz „klassische“ Rollenverteilung: Ich bin in erster Linie für das Geldverdienen zuständig, mein Mann in erster Linie für die Kinder. (Und da er neben seiner Tätigkeit als Hausmann auch Imker ist, kann er sich besser um seinen Job UND die Kinder kümmern. Honig zu schleudern ist lustiger als zuzuschauen, wie Mama die Tastatur bedient.)

Unser Modell funktioniert allerdings auch nur deshalb bestens, weil ich von daheim aus arbeite und in meiner Zeiteinteilung flexibel bin. Die vierzehn Monate, die ich im letzten Jahr in einer Festanstellung verbracht habe, waren ungleich schwieriger für alle Beteiligten: Ich hatte das Gefühl, kaum noch was mitzubekommen, mein Mann musste seinen und den Alltag der Kinder ohne Auto organisieren (im Dorf nicht immer einfach) und die Kinder haben sich beschwert, weil ich meist erst gegen 19 Uhr heimkam. Dafür haben sie mich so freudig begrüßt wie sonst nie!

Fazit: Zwei Erwachsene mit Vollzeitjob und vier Kindern stelle ich mir als die Hölle vor – wenn die Jobs nicht genug Geld abwerfen für entsprechendes Personal.

 

Wenn du drei Wünsche frei hättest, was würdest du dir für deine Karriere wünschen?

  • Aufträge (gerne Buchübersetzungen), die a) gut bezahlt werden, b) mich selbst interessieren, herausfordern und möglichst weiterbilden und c) moralisch einwandfrei sind (nicht notwendigerweise in dieser Reihenfolge).

Wenn ich jetzt noch Wünsche freihabe, und der vorige Wunsch nicht schon für drei zählt:

  • Mut und Neugier, immer mal wieder etwas anzufangen, was ich noch nie vorher gemacht habe.
  • Jede Menge Entscheidungsfreiheit.

 

Nach vielen Jahren Selbstständigkeit hast du nun einen Ausflug in das Angestelltendasein hinter dir. Welche Erfahrungen hast du gemacht?

Positiv war, dass ich nun weiß, dass ich „für den Arbeitsmarkt attraktiv bin“, trotz der jahrelangen Selbstständigkeit – oder auch deswegen, da ich zur Genüge bewiesen habe, dass ich selbstständig arbeiten kann. Und ich habe festgestellt, dass ich immer noch sehr gut im Team arbeiten kann.

Allerdings habe ich für mich das Fazit gezogen, dass Freiheit mir überaus wichtig ist – wichtiger als Sicherheit.

Ein (anfangs eher unbewusster) Wunsch von mir war es, KollegInnen zu haben – auch wenn die DWW ein tolles Netzwerk bilden, echte KollegInnen sind noch einmal etwas anderes. Die KollegInnen waren auch eine der positiven Seiten des Jobs. Allerdings habe ich meine Freiheit zu sehr vermisst: Zu entscheiden, wann ich etwas tue, wie ich es tue und auch was ich tue und was ich lasse. Ja, das Gehalt kam immer am selben Tag und es war immer gleich hoch, plus Sonderzahlung für die Weihnachtsgeschenke, aber ich habe mich in diesen vierzehn Monaten unglaublich eingeengt gefühlt – obwohl ich bereits ein bis zwei Home-Office-Tage hatte und durchaus Entscheidungsfreiheit. Aber es war nicht „mein“ Baby, es war nur ein Job.

 

Was möchtest du anderen Frauen mit auf den Weg geben?

Unterstützt andere Frauen mit Verständnis und Wohlwollen, ob sie nun ähnliche oder ganz andere Ansichten haben, auf Großfamilie und Hausfrau stehen oder auf Karriere ohne Kinder, auf einen entspannten Zwanzig-Stunden-die-Woche-Job oder Herausforderung pur – ich habe Frauen schon Steine für andere Frauen in den Weg rollen sehen, die hätte kein Mann bewegen können.

Und ja, Gendern in der Sprache ist wichtig und ja, Sprache beeinflusst unser Denken. Eine Patentlösung gibt es nicht, zumal Sprache etwas Lebendiges ist, aber es lohnt sich, darüber nachzudenken und auch bei sich selbst ab und an hinzusehen. (Das gilt für Männer gleichermaßen wie für Frauen, aber seltsamerweise begegne ich mehr Frauen, die dagegen wettern, Männer trauen sich das oft schon gar nicht mehr.)

 

Wie lange bist du schon ein Desperate Workwife? Was bedeutet das für dich?

Nachdem ich nachgeschaut habe, weiß ich jetzt, dass ich schon sechs Jahre dabei bin. Ich war vorher mehr in „gemischt-geschlechtlichen“ , in der Regel rein beruflichen, Netzwerken unterwegs und war daher sehr positiv angetan von der (meist) freundlichen Grundstimmung bei den DWW. Kein Getrolle, kaum Angeberei, eine breite Vielfalt an Themen … Mir gefällt zudem sehr gut, dass hier so viele verschiedene Frauen sind, mit teilweise konträren Ansichten zu meinen eigenen – das erweitert meinen Horizont ungemein und immer wieder aufs Neue. Wichtig finde ich auch, dass es auch „Real life“-Treffen gibt, was dem Netzwerken noch einmal eine ganz neue Qualität gibt.

 

Du lebst in einem sehr kleinen Ort mitten im Grünen. Was reizt dich an der Gegend und welche Vorteile hat das Landleben?

Mein Mann und ich sind gebürtige Schwaben (die baden-württembergische Seite), waren aber häufig im Urlaub zum Klettern in der Fränkischen Schweiz. Und nachdem das mit dem Job in der Entwicklungszusammenarbeit im Weit-weg-Ausland nach der Promotion nicht geklappt hat, wollten wir Plan B realisieren: ein Haus im Grünen mit Platz für die Bienenvölker meines Mannes und die Kinder. Zuerst haben wir im Urlaub mehr aus Spaß Häuser in der Fränkischen Schweiz angeschaut – bis wir gemerkt haben, dass es hier a) sehr, sehr schön ist (das wussten wir von unseren Urlauben schon vorher) und b) viel, viel billiger ist als im Großraum Stuttgart. Da ich damals in mein Freiberuflerinnen-Dasein gestartet bin, und mein Mann als Imker und Hausmann ebenfalls mehr oder weniger ortsungebunden war, machte es für uns sehr viel Sinn, dahin zu ziehen, wo man für nicht so viel Geld viel Haus und Garten bekommt.

Wir haben es nicht (okay, selten) bereut, hierhergezogen zu sein. Die Familie in Form von Großeltern und Geschwistern ist weiter weg als zuvor, das ist aber nicht nur von Nachteil. Die Gegend finden wir nach wie vor wunderschön, Klettern kann man hier immer noch ausgezeichnet und wir kennen unsere Nachbarn und die Nachbarn kennen uns (nicht immer von Vorteil, aber meistens). Sollte mal ein Kind „verloren“ gehen, können wir es in der Nachbarschaft wieder einsammeln. Und die Kinder haben hier Freiheiten à la Bullerbü (die sie im Computer-Zeitalter allerdings nicht immer in dem Maße wahrnehmen möchten, wie wir das gerne hätten).

Vor allem aber genieße ich diese Stille nachts! Allerdings macht sie das Übernachten woanders mitunter sehr schwer, es ist nämlich nur an wenigen Orten so still wie hier. Den großartigen Sternenhimmel gibt es nachts auch noch dazu.

 

 

Man sieht dir deine vier Kinder absolut nicht an. Wie hältst du dich so fit?

Indem ich den vier Kindern hinterherrenne …

Und im Ernst: Ich habe hier keine Wunderformel, ich war schon immer so. Als Jugendliche und junge Erwachsene habe ich viel Sport getrieben, war Schwimmen, Joggen, Klettern, im Taekwondo, alles Mögliche. Hauptsächlich zehre ich davon heute noch.

Mittlerweile gehe ich ab und an wieder Joggen (mit einem der Kinder), mache Yoga und gehe theoretisch mit meinem Mann immer noch klettern. Praktisch kommt das Klettern aber doch oft (viel) zu kurz, mit vier Kindern zwischen Kleinkind- und Teenageralter und einem immer noch zu sanierendem Haus, bei dem die Arbeit auch nie ausgeht.

Einen schlichten Ernährungsrat habe ich aber doch: Trinkt Wasser! Wenn ich sehe, was viele Kinder und Jugendliche (und auch Erwachsene) in sich hineinschütten – Cola, Limonade, Energydrinks, nur kein Wasser – wundern mich manche Figur- und Gesundheitsprobleme nicht.

 

 

Was fasziniert dich am Klettern?

Das perfekte Aufgehen im Moment. Ich bin ein Kopfmensch und denke eine Entscheidung häufig bis ins letzte Detail durch, zudem ist mein Kopf auch im Beruf immer im Einsatz. Daher mag ich am Klettern besonders diese Konzentration auf den Augenblick. Da bleibt kein Raum für unnötige Gedanken, es zählt nur die nächste Bewegung, der nächste Griff, der nächste Tritt.

Und natürlich macht es einfach Spaß, draußen in der Natur zu sein, zu sehen, welche Route sich meistern lässt und welche nicht.

 

 

 

Vielen Dank an unsere Sonja für dieses tolle Interview. Und irgendwann machen wir mal ein DWW-Kletter-Event bei dir 🙂

15 Kommentare
  1. Petra Müller
    Petra Müller 4 Monaten her

    Danke Sonja, das war schön, Dich näher kennen zu lernen. Vielleicht ja doch mal in echt?

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  2. Margarita Moerth
    Margarita Moerth 4 Monaten her

    Wundervolles Selbstportrait, liebe Sonja!
    Vielen Dank dafür 🙂

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  3. Erdme Brüning
    Erdme Brüning 4 Monaten her

    Liebe Sonja, es hat mir viel Freude gemacht, das Interview zu lesen! Ganz besonders hat mir gefallen, was Du anderen Frauen mit auf den Weg geben möchtest.

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  4. Ina
    Ina 4 Monaten her

    Richtig schönes Interview :-). Ich mag Deinen Humor, Deinen Stil, Deine Ansichten … irgendwie alles an Dir :-).

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  5. Evelyn Fajfar
    Evelyn Fajfar 4 Monaten her

    Jetzt freue ich mich noch mehr darauf, Dich im November persönlich kennenzulernen. Ein wirklich schönes Portrait.

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  6. Sonja Vilei
    Sonja Vilei 4 Monaten her

    Vielen Dank für die netten Kommentare :0)

    Und das mit dem Kletter-Event können wir gerne machen (!!!), wird nur mit Gurten (und Schuhen) etwas knapp. Aber es ist hier auch schön, wenn man nur um den Fels herumläuft. Und bei manchen Felsen kann man sogar im Auto sitzen bleiben, da sie sich direkt an der Straße befinden (dafür aber wundersamerweise auch gut überlaufen sind).

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  7. Sigrid Reithmeir
    Sigrid Reithmeir 4 Monaten her

    Was Dich nicht wundern dürfte, ich bleib im Auto sitzen 🙂
    Wir sehen uns ja schon nächste Woche wieder. Schön. Bis dann!

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  8. Susanne Hansen
    Susanne Hansen 4 Monaten her

    Sehr interessantes Interwiev! Das mit der Stille und dem Sternenhimmel kann ich voll nachvollziehen – bei mir ist es ja auch sehr einsam.

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  9. Outi Kaden
    Outi Kaden 4 Monaten her

    Tolles Interview, sehr sympathisch.

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  10. Anke Dußmann
    Anke Dußmann 4 Monaten her

    Ein schönes Interview, jetzt weiss ich, wo ich mal Urlaub mache, meine kleine will nämlich auch so richtig klettern lernen.
    Vielen Dank für deine Einblick in dein Leben.

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  11. Tanja Hennseler
    Tanja Hennseler 4 Monaten her

    Wow, ein wirklich super Interview: sympathisch, offen, entspannt und mit sich im Reinen. Und deine Gelassenheit, ein Traum!

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  12. Ingrid Bürger
    Ingrid Bürger 4 Monaten her

    Ein sehr interessantes Interview! Danke an Dich Sonja und an die Interviewerin 😉

    Liebe Sonja, Dein Leben klingt wirklich „lebendig“ und es kommt Freude und Zufriedenheit rüber. Du hast mich auf jeden Fall neugierig auf die Fränkische Schweiz gemacht, ich denke eine der nächsten Ausflüge wird wohl dahin gehen.

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  13. Kerstin Wessel
    Kerstin Wessel 4 Monaten her

    Wow, jetzt habe ich ein Bild von Dir! Schade, dass ich nicht nach Malberg kommen kann😢. Großes Kompliment auch an Christine! Diese Interwiews sind genial!

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  14. Angela Steffens
    Angela Steffens 4 Monaten her

    Spannendes Interview, liebe Sonja. Deinen Wunsch nach (beruflicher) Freiheit kann man aus deinen Worten wirklich herausfühlen. Die Freiheit eigene Entscheidungen zu treffen ist ein großes Geschenk im Leben. Ich freu mich auf dich in Malberg 😁

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